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Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2004, Nr.
272, S. 6
Ausland |
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Im Tur Abdin, dem "Berg der Knechte Gottes" in Südostanatolien, hat die
Perspektive eines EU-Beitritts der Türkei eine Aufbruchstimmung ausgelöst.
Nach Jahrzehnten des Exils in Westeuropa planen christliche Assyrer die
Rückkehr in die Heimat. Sie wollen dafür kämpfen, dass ihre alte Kultur im
Zweistromland erhalten bleibt.
Mor Gabriel, Ende Oktober
Barson Ok reckt seinen klein gebauten, zierlich wirkenden Körper in die
Höhe und richtet den Finger auf einen fernen Punkt weit weg am Horizont.
"Sehen Sie", sagt er, "so weit reicht der Besitz unseres Dorfes. Sari war
ein reiches Dorf." Der ältere Herr zeigt auf eine weite Hügellandschaft,
in der rundum die Weinreben gelbbraun und der Wald aus Steineichen fast
olivgrün in der Oktobersonne schimmern. Das Eichenholz, die Obstgärten und
die Viehzucht bedeuteten Wohlstand.
Ausweisung der kurdischen Dorfschützer
Sari - Sariköy heisst das Dorf in der Provinz Sirnak auf Türkisch - machte
Schlagzeilen in der türkischen Presse, als Anfang Oktober die Armee in
einer symbolträchtigen Zeremonie die Ortschaft ihren rechtmässigen
Besitzern übergab. Kurz zuvor hatten Dutzende von Soldaten in einer
Nacht-und-Nebel-Aktion die kurdischen Dorfschützer, die Sari seit über
einem Jahrzehnt besetzt hielten, mit Gewalt vertrieben.
Der Fall überraschte die Bevölkerung Südostanatoliens, weil die
Dorfschützer jene staatstreuen Kurden sind, die seit den achtziger Jahren
von der türkischen Armee mit Waffen ausgerüstet wurden, um gegen die
Rebellen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu kämpfen. Die Dorfschützer
waren gewohnt, in dieser Region Straffreiheit zu geniessen. Mit ihrer
Vertreibung aus Sari aber signalisierte Ankara, dass die im Hinblick auf
einen EU-Beitritt forcierten Reformen diesmal nicht nur im Westen des
Landes umgesetzt werden müssten, sondern auch im Osten.
"Berg der Knechte Gottes"
Sari liegt in majestätischer Landschaft auf einem Hochplateau aus
Kalkstein, das sich von Mardin aus in Richtung Osten bis tief ins
biblische Tigris-Tal erstreckt. Als "Land des Steins und des Glaubens" ist
die Region bei den Muslimen bekannt. Ihre Städte und Dörfer sind nämlich
aus dem beige-weissen Kalkstein des Hochplateaus gebaut, und die Menschen,
die darin wohnen, sind tief religiös.
Als Tur Abdin kennt man das Plateau unter den Christen - als "Berg der
Knechte Gottes". Der Name geht zurück auf die Mitte des fünften
Jahrhunderts, als im Oberen Mesopotamien die Kultur der syrisch-orthodoxen
Christen eine Blüte erlebte. Damals entstanden hier Dutzende von berühmten
Klöstern mit Tausenden von Mönchen und Einsiedlern. Sie waren Monophysiten;
sie predigten, dass der Messias nur Gott sein könne und dass deshalb die
Behauptung der oströmischen Theologen von einer menschlich-göttlichen
Doppelnatur Christi nichts anderes sei als Gotteslästerung. Heute
bezeichnen sich die Christen des Tur Abdin als Assyrer oder Aramäer.
Leuchtendes Kreuz und Glocke
Sari war ein rein assyrisches Dorf. Barson Ok flüchtete in den siebziger
Jahren in die Bundesrepublik Deutschland, weil damals der Druck der
kurdischen Stämme auf die christlichen Restgruppen der Osttürkei gross war
und der Staat keinen Schutz bot. In Deutschland wurde der Emigrant
erfolgreicher Geschäftsmann und baute eine neue Existenz auf. "Unsere
Kultur kann aber nur in der Heimat überleben", sagt er entschlossen.
Der Siebzigjährige beaufsichtigt jetzt die Renovation von sechs Häusern.
Kurdische Arbeiter sind damit beschäftigt, die Aussenmauern der alten
Steinbauten auszubessern, die Zimmer zu streichen und die Gassen von
Schmutz und Schlamm freizulegen. Die halb zerstörte Kirche soll bald
wieder für Gottesdienste hergerichtet sein. Ein Kreuz, das in der Nacht
leuchtet, und eine Glocke sind bestellt. Wenn es nach Oks Plänen geht,
sollen noch im November fünf assyrische Familien aus Deutschland in Sari
einziehen. Es wäre wohl das erste Mal in der Geschichte dieser kleinen
christlichen Minderheit, dass die Wanderung nicht in die Fremde, sondern
in die Heimat zurückführt.
Festung des Glaubens und der Kultur
Knapp zwanzig Kilometer nordwestlich von Sari befindet sich das heute
wichtigste Kloster der assyrischen Christen der Türkei, Mor Gabriel. Von
der Strasse aus sieht es wie eine uneinnehmbare Burg aus. Eine drei Meter
hohe, angeblich sechs Kilometer lange Mauer umringt ein Areal mit sorgsam
gepflegten Obst- und Gemüsekulturen sowie Weideflächen. Das Doppelkloster
soll schon im Jahr 395 gegründet worden sein, als im Oberen Mesopotamien
Aramäisch die offizielle Sprache und das Christentum die gültige Religion
war. Das Aramäische, eine semitische Sprache, wird von den wenigen
Christen Ostanatoliens noch gesprochen. Es bildet den Grundstein ihrer
Identität und ist in Mor Gabriel Liturgie- sowie Alltagssprache.
Beim Haupteingang des Klosterkomplexes treffen die Assyrer der Region mit
den Gästen aus Europa zusammen. Wie viele Christen im Südosten der Türkei
noch leben, weiss niemand genau zu sagen. Ihre Zahl wird von der
Männerrunde auf etwa 2000 geschätzt. Die Assyrer hätten die Gleichung
"Christ ist Christ" bitter bezahlt, sagen hier die Männer. Zu Anfang des
20. Jahrhunderts seien sie zusammen mit den Armeniern Opfer der
Christenverfolgungen geworden, als der Krieg zwischen dem auseinander
bröckelnden Osmanischen Reich und den in der Region vorrückenden
europäischen Grossmächten zuletzt im Oberen Mesopotamien in einen Krieg
zwischen Muslimen und Christen ausartete. Kurden hätten damals Tausende
von Christen ermordet.
"Sorgt euch um eure Dörfer!"
Mitte der fünfziger Jahren sei der Zypern-Konflikt den Assyrern zum
Verhängnis geworden, weil sie mit den Zypern-Griechen den orthodoxen
Glauben teilten. Die massive Auswanderung der Christen habe aber in den
siebziger Jahren eingesetzt. Viele seien damals aus wirtschaftlichen
Gründen nach Westeuropa gegangen, andere auch darum, weil halb arabisierte
Kurden, die Mahallami, mit Überfällen auf christliche Dörfer der
Südosttürkei sich für das Schicksal der Palästinenser in Libanon rächen
wollten. Nichts habe aber die christlichen Dörfer so entvölkert wie der
Krieg zwischen den kurdischen PKK-Rebellen und der türkischen Armee in den
letzten zwei Jahrzehnten.
In einem geräumigen Saal des Klosters empfängt der Metropolit und Abt des
Klosters, Timotheus Samuel Aktas, allabendlich seine Gäste zu einem
Gespräch. Er zog 1961 als junger Mann in Mor Gabriel ein, um Mönch zu
werden. Er wurde Zeuge davon, wie im letzten halben Jahrhundert die
Assyrer aus ihrer Heimat flüchteten und ihre Dörfer verliessen. Vor allem
die Erinnerung an die neunziger Jahre ist bitter. Damals sei er von einem
Dorf zum anderen gewandert und habe die Gläubigen angefleht, ihre Heimat
nicht zu verlassen, sagt der Metropolit. Er habe den Aderlass aber nicht
verhindern können. Am Schluss der neunziger Jahre schien das Ende der
assyrischen Kultur im Tur Abdin unausweichlich.
Der Metropolit hat einen langen, grauen Bart und warme, listige Augen. Die
Zeiten hätten sich gebessert, sagt er in bestimmtem Ton. Die Armee und die
Ämter seien heute den Christen wohlgesinnt. Seine Hoffnung schöpfe er aber
mehr von der Jugend. Die jugendlichen Christen wie auch die Muslime seien
heute besser ausgebildet und deshalb weniger fanatisiert. Zudem werde die
Türkei durch die Europäische Union auf rechtsstaatliche Prinzipien und
Religionsfreiheit verpflichtet - das wirke auch in dieser entlegenen
Region. Aktas ist noch zurückhaltend. Er könne seinem Volk nicht sagen:
"Kehrt zurück!" Er sage nur: "Sorgt euch um eure Dörfer!"
Bedrohte Sprache
Was dem Metropoliten quälende Sorgen bereitet, ist der drohende Untergang
der aramäischen Sprache. Die Kinder der Assyrer besuchen die öffentlichen
Schulen; aramäischen Unterricht gibt es dort nicht. Nach der massiven
Emigrationswelle der letzten Jahrzehnte wachsen die Kinder der Assyrer in
einer vorwiegend türkisch- oder kurdischsprachigen Umgebung auf. Kann die
Sprache - nach Auffassung der Assyrer die Sprache, die Christus selbst
sprach - noch gerettet werden?
In Mor Gabriel werden rund 40 Schüler nachmittags und sonntags in der
Liturgiesprache unterrichtet. Der Gesang ihrer jugendlichen Stimmen dringt
am frühen Sonntagmorgen durch die dicken Mauern der Hauptkirche. Drinnen
flackern ein paar Kerzen und werfen ein diffuses Licht auf die zehn
Nonnen, die sich im Hintergrund halten. Die Kirche wurde vor kurzem
sorgsam renoviert. Vor ihr sind junge Olivenbäume angepflanzt, und um den
Hof herum wurden neue Gästezimmer gebaut. Die Bewilligung für die
Renovation hatte sich um Jahre verzögert; dass sie dann endlich eintraf,
war wohl auch ein Zeichen guten Willens aus Ankara.
Ruinen und Neubauten
Kafro ist ein 1500 Jahre altes Dorf mit einer Grossbaustelle. Im Laufe der
letzten zwölf Monate sind neben Ruinen 14 neue, dreistöckige Häuser
entstanden - ein Pilotprojekt. Im alten Kafro lebten 40 Familien; die
letzten zogen 1995 weg, wie Gabro Demir in tadellosem Deutsch erklärt. Er
war 1977 nach Deutschland gezogen, kehrte vor zwei Jahren aber in die
Heimat zurück. Bis September 2005 soll hier das neue Kafro bereit sein,
erklärt der hagere Mann stolz. Die Häuser von Neukafro sind
traditionsgemäss wie Wehrburgen aus dem weissen Kalkstein des Tur Abdin
gebaut.
Anders als im alten Kafro soll es im neuen den künftigen Bewohnern aber an
nichts mehr fehlen. Jedes Haus ist mit 250 Quadratmetern Wohnfläche
übermässig gross, verfügt über Balkone in alle Richtungen und über
geräumige Zimmer. Die Initianten des Pilotprojekt hätten ganz bewusst die
Häuser gross geplant, erklärte Gabro. "Wir wollen den Jungen zeigen, dass
es sich lohnt, hier zu leben." Im nächsten September sollen 14 assyrische
Familien mit Kindern aus der Schweiz und aus Deutschland nach Kafro
umziehen. Eine eigene Schule für die Kinder ist vorerst aber nicht
geplant.
Vertriebene Christen - vertriebene Kurden
Zwanzig Jahre lang hat Jakup Özdemir, ein Arzt, in Wiesbaden gelebt. Nun
will er die Heimkehr wagen. Der Streit um Landrechte und um den alten
Besitz mache ihm aber Probleme, erzählt er in Mor Melke. Nach der Flucht
der Christen hätten sich in den verlassenen Häusern Kurden niedergelassen
und die Felder bestellt. Zwanzig Jahren danach müssten die Christen nun
die Kurden vertreiben, wenn sie zurückkehren wollten, und sie müssten vor
Gericht beweisen, dass das Land ihnen und nicht den gegenwärtigen Bauern
gehöre.
Jakup Özdemir ist von der allgemeinen Aufbruchstimmung dennoch
mitgerissen. Wenn die Türkei einmal zur Europäischen Union gehöre, werde
der Tur Abdin ein Paradies auf Erden sein, schwärmt er. Dann könnten auch
die Assyrer volle Rechte geniessen. Dann könnten sie auch Offiziere oder
Bankdirektoren werden. Solche Berufe sind Minderheiten in der Türkei bis
heute verwehrt. Im Laufe der Annäherung an die EU wird sich laut Özdemir
zeigen, ob der Islam reformierbar und weniger aggressiv sein könne. In
diesem Prozess könnten auch die Kurden ihre jüngste Geschichte
aufarbeiten; sie müssten sich entschuldigen für das, was sie den Christen
angetan haben, fordert er.
EU als Existenzgarantie
Die Perspektive eines EU-Beitritts ermöglicht es, dass im türkischen
Südosten alte, schon fast ausgestorben geglaubte Kulturen sich erhalten.
In der Gegend des Tur Abdin ist Deutsch nun eine Verkehrssprache, die von
vielen Türken und Kurden und eben auch von Christen und Yezidi gesprochen
wird. In zahlreichen Christendörfern wird renoviert und gebaut; Pläne für
eine Rückkehr in die Heimat werden geschmiedet. Die Rückkehrer wollen an
die Folgen einer möglichen Abweisung der Türkei durch die Europäische
Union gar nicht denken, wenn am 17. Dezember über die Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen entschieden wird. Der EU-Beitritt der Türkei ist
für sie von existenzieller Bedeutung.
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