Tur Abdin

Interview mit Aziz Demir, Bürgermeister von Kafro

Das Gespräch mit Aziz Demir führte Isa Dogdu vom Verein ICO im September 2007. Die Initiative Christlicher Orient (Abkürzung ICO) ist ein Verein der österreichischen Katholischen Bischofskonferenz für die Beziehung der römisch-katholischen Kirche Österreichs zu den verschiedenen christlichen Kirchen im Nahen und Mittleren Osten. Sie hat ihren Sitz in Linz und Zweigstellen in Wien und Salzburg.

,,Aus Liebe zur Heimat zurückgekehrt“

Ein Jahrzehnt stand Kafro Tachtayto leer. 2006 wurde das Dorf von ausgewanderten christlichen Familien wieder besiedelt, nachdem neue Häuser gebaut worden waren. Einer der Rückkehrer ist Aziz Demir (40). Er kam mit seiner Ehefrau und zwei seiner drei Söhne aus der Schweiz nach Kafro zurück. Seit kurzem ist er Bürgermeister des 37 Christen zählenden Dorfes.

ICO:             Wie kam es dazu, dass sie Bürgermeister von Kafro wurden?

Aziz Demir: Ich habe mich nach einer Diskussion mit den Dorfbewohnern zur Kandidatur entschlossen und wurde am 22. Juli 2007 gewählt. Davor hat uns der Bürgermeister von Anhel in öffentlichen Angelegenheiten vertreten. Mitte 2006 haben wir darum angesucht, selbst einen Ortsvorsteher wählen zu können.

,,Den Gedanken an eine Rückkehr trug ich stets in mir. Aber erst als es friedvoll geworden war, reifte mein Entschluss, mich wieder in Kafro niederzulassen.“
Bürgermeister Aziz Demir

ICO:         Kurz zur Geschichte des Dorfes.

Aziz Demir: Kafro ist eine alte Siedlung. Unsere historische Mor Yakup Kirche lässt vermuten, dass die Bevölkerung bereits früh den christlichen Glauben angenommen hat. Im Laufe der Geschichte stand das Dorf mehrere Male leer, zuletzt seit dem Winter 1995. 2006 wurde Kafro von elf Familien aus Europa wieder besiedelt.

ICO:            Wie gut ist die Infrastruktur in Kafro entwickelt?

Aziz Demir: Es gibt Fließwasser, Strom, eine funktionierende Kanalisation und eine asphaltierte Hauptstraße. Was fehlt ist die Telefonleitung. Somit haben wir kein Festnetz und keinen Zugang zum Internet. Um eine Telefonleitung zu bekommen bräuchten wir mindestens 30 Teilnehmer und müss­ten die Installationskosten mitbezahlen. Ein Gesundheitszentrum ist in Kafro nicht vorhanden; das am nächsten gelegene Spital be­findet sich in Midyat.

lCO:            Ist das Dorf so wie andere im Tur Abdin bereits in den Kataster eingetragen?

Aziz Demir: Nein, der Grundbesitz ist noch nicht registriert. Auf unser Ansuchen hin wurde uns mitgeteilt, dass die Eintragung spätestens im Frühjahr 2008 erfolgen wird.

ICO:         Wie kamen sie auf die Idee, aus der Schweiz nach Kafro zurückzukehren?

Blick auf einige der großen, neu erbauten Häuser mit ihren Vorgärten von Kafro. Die frisch geteerte Dorfstrasse ist gut erkennbar. In dem 2006 wiederbesiedelten Dorf leben 37 Christen, die aus Deutschland, Schweiz und Schweden zurückgekommen sind.

Aziz Demir: Den Gedanken an eine Rückkehr trug ich in mir, seitdem ich mein Dorf verlassen habe. Ich habe meine Kindheit in Kafro verbracht und bin mit dem Leben hier vertraut. Nach der Auswanderung habe ich Kafro mehrere Male besucht. Aber erst als es in der Gegend ruhig und friedvoll geworden war, reifte mein Entschluss, mich tatsächlich wieder in Kafro niederzulassen.

ICO:          Was waren die konkreten Schritte hin zur Wiederbesiedelung des Dorfes?

Aziz Demir: 2000 kam ich mit einer Gruppe aus Deutschland und der Schweiz in die Heimat. Wir waren sehr betrübt, die Kirchen und Klöster leer beziehungsweise im Verfallen zu sehen. Darauf hin erörterten wir die Angelegenheit bei mehreren Treffen in Deutschland und der Schweiz. Dann kam der ermutigende Aufruf des früheren türkischen Ministerpräsidenten Bulent Ecevit. Schliesslich entschlossen wir uns, Kafro gemeinsam wieder zu besiedeln. Ein Verein zur Koordinierung der Rückkehr wurde gegründet.

ICO:          Wie viele Einwohner hat Kafro?

Aziz Demir: Wir sind derzeit 11 Familien, zusammen 37 Personen. Vier Familien kamen aus der Schweiz, sechs aus Deutschland und eine aus Schweden. 15 der 37 Rückkehrer sind Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren. An der Einwohnerzahl hat sich seit unserer Rückkehr nichts geändert. Für den Sommer 2008 erwarten wir die Rückkehr einer fünfköpfigen Familie.

ICO:          Die jungen Dorfbewohner sind ausserhalb der Türkei geboren und aufgewachsen. Haben sie sich bereits an die neuen Lebensumstände gewöhnt?

Schwierige Eingewöhnung an neue Lebensumstände

Aziz Demir: Für die jungen Rückkehrer ist es ziemlich schwierig, obwohl sie sich inzwischen einigermassen eingewöhnt haben.

Sie brauchen noch Zeit, um sich an das Leben hier voll anzupassen. An den notwendigen gesellschaftlichen Aktivitäten mangelt es noch. Wir wollen die Bedingungen für die Jugendlichen verbessern. Aber dafür brauchen wir die Unterstützung von Personen, die in Projekte in der Gegend investieren.

ICO:         Wo gehen die Kinder zur Schule? Wie gut beherrschen sie die türkische Sprache?

Aziz Demir: Die Kinder besuchen die Grundschule im Dorf Daline (Sivrice), etwa acht Kilometer von Kafro enternt. Ihre Türkischkenntnisse sind leider noch dürftig. Sie müssen noch dazulernen, um ihre Schulausbildung gut machen zu können.

Links: Die Dorfjugend im Schulzimmer ihrer kleinen Schule

Rechts: Junge Rückkehrer vor ihrem Dorf

Eine Schwierigkeit ist die Berufswahl der Jugendlichen, denn sie sollten nach der Schulzeit einen Beruf  lernen, der ihnen persönlich mit ihren Neigungen und Fähigkeiten hilft, aber auch den Dörfern im Tur Abdin. Denn die Zukunft des Tur Abdin liegt nicht nur in den Rückkehrern, sondern ganz besonders in der Integration ihrer Kinder.

 

ICO:             Wie ist das Verhältnis zu den Nachbardörfern?

Aziz Demir: Wir legen grossen Wert auf gute Beziehungen mit unserer Umgebung. Besonders eng ist das Verhältnis zu unserem christlichen Nachbardorf Harabale.

lCO:           Haben sie einen Priester, der die Messe in Kafro feiert?

Aziz Demir: Nein, weil keine der vier Kirchen derzeit benutzbar ist. Wir feiern den Gottesdienst in Harabale. Sobald unsere Kir­che fertig ist, wollen wir ihn in Kafro halten. Zunächst mit einem Priester, der in das Dorf kommt, später mit einem eigenen Priester.

ICO:           Wie steht es um die Instandsetzung der Kirchen?

Aziz Demir: Die Mor Yakup Kirche ist schwer beschädigt. Die hohen Kosten für ihre Instandsetzung können wir nicht tragen. Ausserdem ist eine Sondergenehmigung erforderlich, weil es sich um eine sehr alte Kirche handelt. So haben wir uns entschieden, jetzt die kleinere Muttergottes Kirche herzurichten. Ein Teil der Bauarbeiten ist bereits erledigt. Die Eröffnung ist für das Frühjahr 2008 geplant.

August 2007: Mit Hilfe  einer 12-köpfigen Gruppe der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Württemberg wird die Marienkapelle neu aufgebaut und soll  im Frühjahr 2008 eröffnet werden. Bis dahin feiern die Bewohner von Kafro die Messe im benachbarten Dorf Harabale.

ICO:             Woher beziehen die Dorfbewohner ihr Einkommen? Gibt es Pläne für einkommenschaffende Projekte?

 Aziz Demir: Ein Teil kommt vom Acker- und Weinbau. Einige Personen sind als Bauarbeiter tätig. Eine Familie betreibt ein Taxi, eine andere hat einen Traktor zum Pflügen der Felder. Wir denken daran, die Steine — ein wichtiges lokales Baumaterial — geschäftlich zu nutzen. Des Weiteren möchten wir etwas im Bereich der Landwirtschaft unternehmen und eventuell einen Hotelbetrieb starten. Aber im Moment ist eine Umsetzung dieser Ideen noch nicht in Sicht.

ICO:            Mit welchen Hoffnungen und Sorgen blicken sie in die Zukunft?

Aziz Demir: Wir hoffen, dass das Rückkehrprojekt nachhaltigen Erfolg hat, damit der Name des Herrn in unserer Heimat weiterhin gepriesen werden kann. Ich bin zuversichtlich, dass Kafro wachsen wird und andere unserem Beispiel folgen werden, so wie es in einigen Dörfern der Raite bereits zu sehen ist. Sorgen bereiten uns die fehlenden Finanzmittel zur Umsetzung unserer Vorhaben, die vor allem für die Jugend von Bedeutung sind.

,,Wir wollen gemäß unserer religiösen Überzeugung leben und uns um unsere Kirchen, Klöster und die hier begrabenen Heiligen annehmen.“
Bürgermeister Aziz Demir

ICO:           Haben sie eine wichtige Botschaft an die ausgewanderten Christen?

Aziz Demir: Ich wünsche mir, dass sie unser Rückkehrprojekt unterstützen. Ich möchte unsere Schwestern und Brüder er­mutigen, unser gemeinsames Ziel für das Dorf ideell und materiell — jeder nach seinen Möglichkeiten — zu fördern. Jene, die in den Tur Abdin zurückkehren wollen, sollten mit uns sprechen und unsere Hinweise beherzigen. Wir haben Fehler gemacht und wir wollen nicht, dass andere dieselben Fehler wiederholen.

ICO:              Was sind wesentliche Unterschiede zwischen einem Leben im Tur Abdin und jenem in der Schweiz oder in Deutschland?

Aziz Demir: Jede Gegend hat ihre eigene Kultur und ihren eigenen Lebensstil. Unsere Kultur und unser Lebensstil helfen uns, Gott näher zu kommen, als im materialistisch geprägten Europa. In Europa wiederum schätze ich den grundsätzlichen Respekt für die Person, der meiner Ansicht nach im christlichen Menschenbild wurzelt. Aber es ist traurig, dass der christliche Glaube in Europa immer weniger geachtet wird. Im Tur Abdin fühle ich mich zu Hause, während ich mich dort ein wenig als Gast gefühlt habe.

ICO:           Wie denken die aus dem Tur Abdin stammenden Christen im Ausland über das Rückkehrprojekt?

Geteilte Meinungen zum Rückkehrprojekt

Aziz Demir: Die Meinungen sind von Person zu Person verschieden. Es gibt Leute, die über die Wiederbesiedelung von Kafro glücklich sind, weil sie entweder Verwandte der Rückkehrer sind oder vielleicht ein geöffnetes Tor sehen, das ihnen ermöglicht, eines Tages selber in ihre alte Heimat zurückzukehren. Andere wiederum haben keine Freude damit. Manche haben gemischte Gefühle und können der derzeitigen Ruhe in der Gegend nur schwer trauen. Dieses Gefühl der Unsicherheit macht es ihnen schwer, sich im Tur Abdin zu engagieren.

ICO:           Hat es wegen der großen Neubauten in Kafro Kritik oder Neid gegeben?

Aziz Demir: Ja. Wir sind uns bewusst, dass unsere neuen Häuser groß sind. Aber wir wollten sie ja nicht für uns Rückkehrer alleine nutzen, sondern dachten immer an eine größere Familie, die beispielsweise zur Urlaubszeit zusammenkommt.

ICO:          Welche Rolle spielte der Glaube bei dem Rückkehrprojekt?

Aziz Demir: Der Glaube spielte eine wesentliche Rolle. Wir wollten gemäß unserer religiösen Überzeugung leben und uns um unsere Kirchen, Klöster und die hier begrabenen Heiligen annehmen. Jene, die nach Kafro zurückkehrten, taten dies mit großer Liebe zu ihrem Glauben und zu ihrer Heimat.

ICO-Projekt

 Regulator gewährleistet konstante Stromversorgung

Die „Freunde des Tur Abdin“, ein Teil der österreichischen „Initiative Christlicher Orient“, haben das Dorf Kafro Tachtayto mit EURO 6.000 durch den Ankauf eines Stromausgleichgerätes unterstützt. Dieser Apparat trägt dazu bei, dass die — im Tur Abdin üblichen — Stromschwankungen ausgeglichen und damit die elektrischen Geräte geschützt werden.

 

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Das Interview wurde von der Zeitschrift des Vereins ICO übernommen, die Bilder und Texte in den grauen Kästen wurden aktualisiert und teilweise angepasst.

Gerhard Eichinger